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Bartimäus Predigt von Gerhart Hofer 29.10.2000
Einleitung zum Evangelium:
Das heutige Evangelium ist eine richtige Kindergeschichte: die Heilung des Bartimäus. Neben Zachäus die vielleicht am meisten verwendete Jesusgeschichte. Und das macht es uns nicht leicht, denn wir kennen die Geschichte so gut, dass wir nicht mehr wirklich hinhören.
Man kann daraus eine Hokus-Pokus-Geschichte machen. Einer ist blind, Jesus kommt und heilt ihn. So einfach, aber auch weit weg von unserem Leben.
Wenn wir tiefer hineinschauen, dann stellt sich uns die Frage: was hat diese Geschichte mit mir, mit meiner Familie, mit unserer Pfarrgemeinde zu tun?
Evangelium Markus (Übersetzung Friedolin Stier)
Liebe Pfarrgemeinde
Es ist nicht einfach, die Heilungsgeschichte des Bartimäus zu erden, wenn der Anspruch gelten will, dass diese Geschichte ganz konkret mit mir, mit uns zu tun hat.
Versuchen wir sie von der kindlichen Heilungsvorstellung auf die Erwachsenenwelt herabzuholen.
Eingeordnet ist dieser Bericht gegen Ende des Markusevangeliums als letzte Heilung auf dem langen Weg bevor Jesus nach Jerusalem kommt und die Spannung sich steigert bis zu seiner Hinrichtung. Eine letzte Heilungsgeschichte, die uns offensichtlich sagen will, dass auch wir nicht sehen können, worum es hier geht. Erinnern wir uns an das Evangelium des letzten Sonntags, die Stelle unmittelbar vor der Bartimäusgeschichte: Jesus spricht in dramatischen Worten von seinem nahenden Ende und die Jünger streiten sich um die Plätze links und rechts neben ihm. Sie sind gewissermaßen blind - und wir wären wohl auch so.
Die Heilung des blinden Bartimäus ist eine Weggeschichte. Es geschieht auf dem Weg hinaus aus der schönen Stadt Jericho. Er sitzt am Weg und bettelt. Gottesbegegnung und Heilung geschieht am Rand der Stadt, nicht im Scheinwerferlicht der Mitte, nicht im Live-TV. Angefangen vom Stall bei Bethlehem bis zur Grabstätte in der Nähe von Golgotha.
Da sitzt einer am Weg, er ist blind und bettelt. Es ist jedoch kein anonymer Mensch, sondern er ist bekannt: Bartimäus, der Sohn des Timäus. Und er ist gut informiert. Er hat schon gehört von Jesus, der aus dem Geschlecht Davids Stammende. "Der ist nicht blöd", würden wir heute sagen. Er erwartet sich Heil, Heilung von Jesus.
Die Geschichte an dieser bestimmten Stelle bei Markus - direkt vor dem dramatischen Tod Jesu - will sagen: da gibt es Blinde, die nicht erkennen worum es geht - und wir gehören wohl auch dazu.
Blindheiten bei allen Menschen, trotz zwei offener Augen: bei mir selber, in meiner Partnerschaft, in der Familie, in beruflichen Situationen: eine ganze Bußfeier könnten wir hier beginnen. Blind sein heißt etwas nicht sehen, was da ist bzw. gerade entsteht, oder auch innere Bilder im Kopf zu haben, die nicht - oder - nicht mehr der Realität entsprechen. Wenn ich mir selber, meiner Partnerin, meinen Kindern keine Veränderung zugestehen kann, wenn ich versteinerte Vorstellungen und Einstellungen habe, dann ist es eine entwicklungshemmende Form von Blindheit. Da gibt es Menschen, die sind organisch blind, haben jedoch eine so große Sensibilität, dass sie im Leben bestens klar kommen und für andere noch Vorbild sind.
Jesus ist mit vielen Menschen unterwegs. Heraus aus Jericho, auf dem Weg. Bartimäus, der am Rand Sitzende ruft laut nach Jesus. Er stört die wichtigen Gespräche und wird zurecht gewiesen: Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht! Ein Bettler stört das Stadtbild. Er missachtet die Anstandsregel. Er ruft: Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner, schenke mir Zuneigung!
Die Kinder in den Kindergärten und Schulen können diese Szene wunderbar spielen: "Psst, sei still!" Kinder kennen das. Wenn wichtige Leute Wichtiges reden, dann müssen sie still sein und werden mit scharfem Ton ermahnt.
Bartimäus schreit aber noch viel lauter. Aus der Pädagogik bei Verhaltensstörungen können wir lernen: Störungen sind Signale, dass da etwas nicht stimmt. Störungen sind unangemessene, aber oft lebensnotwendige Hilferufe. Den Störenden zu ermahnen, zu bestrafen, ohne sich für den Grund des Verhaltens zu interessieren, bringt selten etwas.
Warum wohl schreit Bartimäus?
Jesus hört ihn endlich - trotz der vielen Menschen, die ihn umringen. Er lässt ihn zu sich kommen. Und jetzt dreht sich der Stil: die Sei-still-Rufer ermuntern ihn plötzlich freundlich: "Getrau dich! Auf, er ruft dich!"
Und AUF geht es wirklich, eine filmreife Szene. Bartimäus wirft seinen Mantel ab, alles was er hat; das, was ihn schützt, das Letzte.
Er, der festsaß, springt auf, wirft ab, kommt auf den Weg und läuft zu Jesus.
Und dann entsteht ein heilender Dialog, der eigentlich ganz anders ist, als wir oft meinen. Haben wir nicht das Bild im Kopf: Er geht zu Jesus und Jesus heilt ihn ? Doch Jesus ist weder ein Zauberer noch ein klassischer Helfertyp. Er sagt nicht: "Ich weiß, was für dich das beste ist!" Er handelt nicht einfach, sondern fragt ihn: "Was willst du, dass ich dir tun soll?" Eine ganz wichtige Frage für jeden Heilungsprozess, für jede Therapie, für jeden Krankenbesuch, für jede Partnerschaft: "Was willst du, dass ich dir tun soll?"
Ich nenne diesen wichtigen Satz nochmals, weil wir uns beim richtig Helfen viel Energie sparen könnten: Kein "Ich weiß, was für dich gut ist.", sondern: "Was willst du, dass ich dir tun soll?"
Der Blinde sagte zu ihm: "Rabbuni, etwas erblicken möchte ich wieder." Und Jesus bringt ihn wieder auf den Weg: "Geh, dein Glaube hat dich gerettet." Und was macht Bartimäus: er geht nicht weg, sondern er folgt Jesus hinein in das spannungsgeladene Jerusalem. Damals wie heute. Nachfolge bis zum Tod des Rabbuni und darüber hinaus.
Dein Glaube hat dich gerettet. Wer glaubt, dem ist geholfen. Wer an diese Botschaft Jesu glaubt, braucht sich nicht zu fürchten. Er ist auf dem Weg. Er kann ihn gehen bis zum Ende, auch wenn es ein vordergründig bitteres ist.
Dieses Thema der Blindenheilung, des Auf-den-Weg-Bringens ist, das sei mir als Schlussbemerkung noch erlaubt, auch ein Thema unserer Pfarrgemeinde.
Wir haben es alles andere als leicht mit so viel Umstellungen, neuen Menschen und deren Haltungen und den vorgegebenen Einsparungen.
Manche von uns sehe ich bettelnd am Straßenrand, resignativ in ihren Mantel eingehüllt. Ich sehe mich manchmal auch selber so.
Wir rufen Jesus zu und sagen: Wir möchten wieder etwas erblicken können.
Wir sehen unseren Weg nicht mehr. Die Herumstehenden rufen: Götzis, sei still, wir haben Wichtiges zu reden. Doch Jesus hört uns und sagt: Götzis, wirf den Mantel ab und komm auf den Weg. Und dann die zentrale Frage: Was willst du, dass ich dir tue?
Wissen wir darauf schon die Antwort?
Gerhart Hofer
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