
8.11.2001
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"ARCHIV Aktuell [14]"
Interview mit Kaplan Friedl Kaufmann I-Net Kath. Kirche Vorarlberg

... dann hat jemand aufgepasst!
I-Net: Bei uns gibt es eine Serie, 10 Fragen zum „Gebot der Stunde“...
Kaplan Kaufmann: Dieses Gebot ist vermutlich jede Stunde anders, wenn wir bereit sind, auf verschiedene Situationen, Gegebenheiten, Menschen einzugehen ... Aber jedes „Gebot der Stunde“ ist herausfordernd! Gute Serie also, gratuliere!
1. I-Net: Wir hätten aber doch ein paar Fragen an dich.
Kaplan Kaufmann: Gerne.
2. I-Net: Also, Christ sein heute, wo fängt das an?
Kaplan Kaufmann: Christ sein heute fängt dort an, wo es immer schon angefangen hat: bei den Menschen, bei jeder und jedem einzelnen. Es geht darum, mit den Menschen zu leben, da zu sein. Freude und Hoffnung, Sorgen und Nöte miteinander zu teilen, sich für die Menschen einsetzen, damit für alle menschenwürdiges Leben möglich wird. Christsein beginnt dort, wo Menschen Leben miteinander teilen und nicht jeder oder jede nur auf sich selber schaut, sondern wo ein Weg gegangen wird, bei auf dem möglichst alle mitgehen können.
Christsein beginnt bei den Menschen. Denn warum ist sonst Gott Mensch geworden in Jesus Christus, der besonders für diejenigen da war, die keine Stimme, kein Recht, keinen Platz mehr hatten ..., wenn es in dieser frohen Botschaft von Gott nicht um die Menschen, um das Leben der Menschen geht.
3. I-Net: Der Priesterberuf, macht das in der heutigen Zeit noch Sinn ?
Kaplan Kaufmann: Wenn Christsein mit den Menschen zu tun hat, ist es vielleicht heute notwendiger als noch vor ein paar Jahren, immer wieder auf Menschlichkeit hinzuweisen. Das ist natürlich eine Aufgabe, zu der jeder Christ und jede Christin berufen ist, nicht nur diejenigen, die sich hauptberuflich für Kirche und Religion einsetzen.
Der Priesterberuf ist für mich eine Herausforderung und eine Aufgabe, für Menschen da zu sein, sie ein stückweit auf ihrem Weg zu begleiten, ihnen auch Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken.
Es geht auch wesentlich darum, den Blick auf einen anderen offen zu halten im Wissen und im Vertrauen, dass da jemand ist, der unser Leben in seinen Händen hält und mitgeht; wenn auch oft unscheinbar und unerkannt. Und dieses Bewußtsein zu stärken, darauf hinzuweisen, ... macht auf jeden Fall Sinn.
4. I-Net: Was ist in Deinem Beruf das wichtigste "Gebot der Stunde"?
Kaplan Kaufmann: Aus den vielen Stimmen die eine Stimmen doch noch herauszuhören.
5. I-Net: Was hat Sie in ihrem bisherigen Leben am meisten geprägt?
Kaplan Kaufmann: Die vielen Menschen, die auf meinem Lebensweg mitgegangen sind, mich gefördert und gefordert haben. Ganz besonders hat mich sicher meine Familie geprägt.
6. I-Net: Was kann die Menschheit neben all den technischen und medizinischen Errungenschaften noch Großartiges leisten?
Kaplan Kaufmann: Hoffentlich steht über allen Leistungen, über aller Forschung und über allem Fortschritt die Würde des Lebens. Jetzt wäre es wieder einmal an der Zeit, den Menschen zu entdecken.
7. I-Net: Zum Beispiel?
Kaplan Kaufmann: Eine Welt, in der alle Platz haben, wo die Farbunterschiede zur Buntheit beitragen, wo die verschiedenen Meinungen und Ideen eine Vielfalt ermöglichen wo Menschen voreinander aufschauen und über die Größe des anderen voreinander staunen...
8. I-Net: Was motiviert Dich persönlich zu Höchstleistungen?
Kaplan Kaufmann: Motivierte Menschen, mit denen man Bäume versetzen kann. Begeisterte Menschen, die wissen, dass hinter allem machbaren eine höhere Macht steht. Suchende Menschen, für die nicht alles Selbstverständlich ist... Menschen, die auf dem Weg sind ...
9. I-Net: Ein Messbesucher beschwert sich über Deine Predigt...
Kaplan Kaufmann: Gott sei Dank, da hat wenigstens einer aufgepaßt! Kritik ist an sich etwas positives, denn aus Fehlern lernen wir. Kritik ermöglicht Diskussion, Gespräch. Für gutgemeinte, konstruktive Kritik bin ich sehr dankbar.
10. I-Net: Wie wehrst Du ein drohendes Burn-Out-Syndrom ab?
Kaplan Kaufmann: Zeiten der Ruhe, der Erholung, des Frei-seins werden im Kalender eingetragen wie andere Termine. Treffen mit Freundinnen und Freunden, mit denen über alles geredet werden kann; unverzweckt, ungezwungen, halt einfach gemütlich.
11. I-Net: ... würdest Du das als Deinen größten Fehler bezeichnen?
Kaplan Kaufmann: Der größte Fehler ... vielleicht mein Chaos auf dem Schreibtisch oder meine Inkonsequenz oder mein
nicht gut Nein-sagen können oder mein langes Still-sein-können, aber dann irgendwann sehr viel dazu zu sagen ... nur, ob das Fehler sind ...?
12. I-Net: Wenn Du noch einmal von vorne beginnen könntest, dann ...
Kaplan Kaufmann: Wenn ich noch einmal von vorne beginnen könnte, würde ich ...
... mehr Fehler machen,
... mehr Zeit verschwenden bzw. verschenken
... vieles nicht so ernst, dafür Kleinigkeiten wichtig nehmen
Wenn ich noch einmal von vorne beginnen könnte, dann würde ich mich bemühen,
dass ich irgendwann dort stehe, wo ich jetzt stehe.
I-Net: Danke für das Gespräch.
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