
|
" Nikolaus von der Flüe "
Der vor genau drei Jahren verstorbene Pfarrer Otto Feurstein hat nicht
nur mit seinen Predigten, Bibelauslegungen* und seiner Liturgie ein
kostbares Erbe und in der Konzilszeit in Götzis sein Herzblut und
seine Gesundheit gelassen, sondern auch mehrmals von einem Kriegserlebnis
an der Schweizer Grenze erzählt. Nach der raschen Eroberung
Frankreichs habe seine Einheit 1940 zwischen Bellegarde und Genf
auf den Einmarschbefehl gewartet. Damals habe ein Schweizer Soldat
den Deutschen aus vollem Hals über die Grenze zugerufen: „Er
chöndt wider go, er chönd üs nüt tuä - mer händ dä Bruader Chlaus!“
Den jungen Theologen und freiwilligen Sanitäter beeindruckte dieses
Vertrauen zum Einsiedler im Melchaa-Graben sehr. (Hitler hat wie bekannt
seine Pläne bezüglich der Schweiz tatsächlich fallen gelassen.)
Der freie Bauer Niklaus von Flüe bei Sachseln im Urkanton Unterwalden,
1417-1487, hat die Eidgenossenschaft schon zu Lebzeiten
mehr als einmal durch Wort und Beispiel gerettet, z.B. am 21. Dezember
1481 vor einem drohenden Bürgerkrieg. Eines der geradezu
intimen Heiligen-Fenster Martin Häusles in der Götzner Kirche stellt
den Ehemann und Einsiedler, Eremiten und Propheten des 15. Jahrhunderts
dar. Das Bild aus der unmittelbaren Nachkriegszeit kommt
ohne die üblichen Symbole aus. Kunstlos, mit seinen kräftigen, ja
glühenden Farben ist es eine Zusammenfassung der kaum vergangenen
Schrecken.
Da steht ein einfacher Mann, wie du und ich, in einfachem Gewand,
mit einer Gebetsschnur. Ein Mann – Beter,Visionär und Faster von Jugend
auf, als Soldat wie auf der Alp –, der nach zwanzig guten Ehejahren seinen Hof und zehn Kinder verlässt. In langen Gesprächen hat er
das Einvernehmen mit seiner Dorothea erreicht (schon die Mutter hieß
so). Er weiß, er hat eine andere Lebensaufgabe - aber welche? „Bruder
Klaus“ macht sich auf den Weg zu gleichgesinnten „Gottesfreunden“
im Elsass. Vor Basel heißen ihn ein Standeskollege und ein Traum umkehren.
Die kriegsgewohnte Eidgenossenschaft hat keinen guten Ruf,
erfährt er - nicht in der Fremde, sondern daheim wird er sein Christentum
leben. In 300 Meter Entfernung vom Hof, im Ranft, baut er sich
eine Klause. Bald hört das Kopfschütteln auf. Man kommt von nah
und fern um Rat, Hilfe und Heilung zu diesem von Gelehrten und
Amtsträgern geprüften Einsiedler, dem das Fasten und Meditieren zur
zweiten Natur geworden ist, während er mit beiden (bloßen) Füßen
fest auf dem Schweizer Boden steht. Sein Glaube ist alles andere als
Privatfrömmigkeit. Er korrespondiert mit den Mächtigen seiner Zeit.
Aus einem Brief an den Berner Rat: „Fried ist allweg in Gott, denn
Gott ist der Friede und Friede mag nicht zerstört werden. Unfriede aber
wird zerstört. Darum sollt ihr schauen, dass ihr auf Frieden stellet …“
Er heilt - von Eifersucht, tödlichem Aberglauben und Geiz, aber auch
von körperlicher Krankheit. Nach schweren Leiden stirbt Klaus 1487,
Dorothea ist beim Sterben dabei. Bereits ein Jahr später gibt es mehrere
Biographien. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges wird
der unverhoffte Friedens- und Gottesmann aus der Zeit vor der Glaubensspaltung
auch offiziell ein Seliger, nach dem Grauen des Zweiten
Weltkriegs, 1947, ein Heiliger. Vor 1948 schon findet der Wettbewerb
für die durch die Kriegsereignisse zerstörten Götzner Fenster statt.
Willibald Feinig

Die Bilder der Kirchenfenster wurden von Bernhard Häusle zur Verfügung gestellt.
Fotoaufnahmen © 2003 by Bernhard Häusle
http://www.martin-haeusle.de
|