
|
" Johannes "
Erst wenn die Sonnenstrahlen in den Kirchenraum dringen,
vermögen die Fenster unserer Pfarrkirche manche Blicke der
Menschen auf sich zu ziehen. Die Konturen der dargestellten
Heiligen werden klarer und feiner. Die Farben verschmelzen
ineinander und verleihen dem Kircheninneren eine mystische
Atmosphäre.
Ein mystischer Mensch war sicherlich auch der Evangelist Johannes.
John Scotus Eriugena, ein irischer Mönch, hatte Johannes
einmal als einen „mystischen Adler“ beschrieben. Johannes
bedeutet im Lateinischen: „… dem eine Gnade zuteil wurde“.
Johannes war einer, dem das Geschehen um den historischen
Jesus zu kurz griff, einer, der nach dem Urgrund und nach dem
Sein dieses Jesus fragte und grübelte, einer, der sich hinzutasten
versuchte zum Wesentlichen und Eigentlichen, zum Absoluten.
Seine Art und sein Verständnis von Jesus zu sprechen und sein
Bild zu zeichnen, war eine ganz andere, wie die der sog.
„Synoptiker“, von Matthäus, Markus und Lukas, - vielleicht
gerade deshalb, weil Johannes einer der ersten Jünger Jesu war,
der ihn von Beginn seines Wirkens an begleitete und alle Höhen
und Tiefen hautnah miterlebte, bis hin zum Ausharren unter dem
Kreuz.
Für Johannes war das Kommen Jesu ein Durchbruch Gottes in
die Geschichte der Menschen, ein Einnisten des Göttlichen in
unsere reale Welt.
In der Verkündigungsschrift des Johannes tritt Jesus als der Sohn
Gottes auf, als der, der Gott den Vater, offenbart. Diese
Offenbarung ist die entscheidende Orientierung für uns
Menschen, für unser Leben in dieser Welt und darüber hinaus.
In vielen Gesprächen, Reden und Wundererzählungen des
Johannes-Evangeliums zeigt sich Jesus vor allem als Mensch,
als jener Menschen, der der Welt ins Angesicht schaute, der die
Not und die Bedürfnisse der Menschen sah und ihre Wunden zu
heilen versuchte.
Jesus birgt das volle Leben in sich. Er will allen Menschen zu
mehr Lebensglück und Lebensfülle verhelfen - den Menschen
aller Rassen und Nationen, den Armen, Kranken und den
Unterdrückten, den Kleinen, den Gebeugten, den …
Es liegt jetzt an uns, an diesen Jesus zu glauben, auf ihn alle
Karten zu setzen, und ihm zu vertrauen und diese frohe,
lebensbejahende Botschaft in uns hineinzulassen. Der Geist
Gottes wird uns dabei sicher nicht im Stich lassen. Davon war
schon Johannes zutiefst überzeugt.
Reinelde Böckle

Die Bilder der Kirchenfenster wurden von Bernhard Häusle zur Verfügung gestellt.
Fotoaufnahmen © 2003 by Bernhard Häusle
http://www.martin-haeusle.de
|